Angst überwinden & Mut
Motzi und der Weg durch die Dunkelheit
Eine liebevolle Geschichte darüber, dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben – sondern trotz der Angst einen kleinen Schritt weiterzugehen.
Es war einer dieser Abende, an denen Motzi besonders viel zu meckern hatte.
Der Wind rauschte durch die Bäume.
Die Äste klopften gegen die Fensterscheibe.
Und irgendwo draußen knarrte etwas ganz fürchterlich.
„Unverschämtheit!“, brummte Motzi und zog seinen Schwanz dichter an sich. „Wer hat dem Wind eigentlich erlaubt, so einen Krach zu machen?“
Laya saß neben ihm auf der Fensterbank und schaute hinaus.
„Vielleicht hat er einfach schlechte Laune.“
Motzi drehte den Kopf zu ihr.
„Dann soll er gefälligst woanders schlechte Laune haben.“
Laya musste lachen.
Motzi natürlich nicht.
Zumindest tat er so.
Da hörten sie plötzlich ein leises Geräusch.
Kling.
Laya spitzte die Ohren.
„Hast du das gehört?“
Motzi räusperte sich.
„Nein.“
Kling. Kling.
Jetzt war es deutlicher.
Das Geräusch kam aus dem Garten.
„Das klingt wie das kleine Glöckchen an meinem Rucksack!“, sagte Laya plötzlich.
Sie sprang von der Fensterbank.
„Den habe ich heute Nachmittag unter dem Apfelbaum liegen lassen.“
Motzi sah nach draußen.
Der Garten war dunkel.
Sehr dunkel.
Die Wolken hatten den Mond verdeckt, und zwischen den Bäumen bewegten sich lange schwarze Schatten.
Motzi schluckte.
„Dann holst du ihn eben morgen.“
„Aber wenn es regnet, wird alles nass.“
„Dann hast du morgen eben einen sehr sauberen Rucksack.“
„Motzi!“
„Was denn? Regen ist Wasser.“
Laya legte den Kopf schief.
Sie kannte Motzi inzwischen ziemlich gut.
„Du möchtest nicht raus, oder?“
Motzi setzte sich besonders gerade hin.
„Unsinn.“
„Hast du Angst?“
Motzis Augen wurden groß.
„Ich?“
Er deutete mit einer Pfote auf seine Brust.
„Motzi der Mecker-Kater? Angst?“
Laya sagte nichts.
Sie schaute nur nach draußen.
Kling.
Motzi schaute ebenfalls hinaus.
Ein Ast bewegte sich im Wind.
Hinter dem alten Busch raschelte etwas.
Und für einen winzigen Moment war Motzi sich ganz sicher, dort zwei Augen gesehen zu haben.
Er rückte ein Stück vom Fenster weg.
„Also gut“, murmelte er. „Vielleicht finde ich die Dunkelheit ein ganz kleines bisschen … unnötig.“
Laya lächelte.
„Das ist okay.“
„Nein, ist es nicht.“
„Warum nicht?“
Motzi runzelte die Stirn.
Darüber hatte er noch nie nachgedacht.
„Weil Katzen keine Angst haben.“
„Wer sagt das?“
Motzi öffnete den Mund.
Dann schloss er ihn wieder.
„Na … Katzen eben.“
Laya setzte sich neben ihn.
„Ich habe auch manchmal Angst.“
Motzi blinzelte.
„Du?“
„Natürlich.“
„Aber du bist doch ständig irgendwo unterwegs.“
„Ja.“
„Und kletterst auf Sachen.“
„Ja.“
„Und einmal bist du sogar über den Bach gesprungen.“
Laya nickte.
„Und ich hatte jedes Mal Angst.“
Motzi starrte sie an.
Das konnte doch gar nicht sein.
„Aber dann warst du ja gar nicht mutig.“
Laya lächelte.
„Doch. Gerade deshalb.“
Motzi verstand kein Wort.
Und das gefiel ihm überhaupt nicht.
„Mutig ist doch jemand, der keine Angst hat.“
Laya schüttelte den Kopf.
„Wenn man keine Angst hat, braucht man keinen Mut.“
Motzi schwieg.
Draußen klingelte wieder der kleine Rucksack.
Laya stand auf.
„Ich hole ihn jetzt.“
Motzi sah zur Tür.
Dann zu Laya.
Dann wieder zur Tür.
„Alleine?“
„Wenn du nicht mitkommen möchtest.“
Motzi schnaubte.
Natürlich konnte er Laya nicht allein in diesen stockdunklen Garten gehen lassen.
Nicht, weil er Angst hatte.
Nein.
Ganz bestimmt nicht.
Er musste schließlich aufpassen, dass Laya nichts passierte.
„Na schön“, sagte er. „Ich komme mit.“
Sie öffneten die Tür.
Sofort fuhr der Wind herein und zerzauste Motzis Fell.
„Großartig“, murmelte er. „Jetzt sehe ich auch noch aus wie ein Staubwedel.“
Laya ging los.
Motzi folgte ihr.
Ganz langsam.
Der Weg zum Apfelbaum war eigentlich gar nicht weit.
Am Tag brauchte Motzi vielleicht zwanzig Schritte.
Heute fühlte es sich an wie zweihundert.
Hinter dem ersten Busch raschelte es.
Motzi blieb stehen.
„Da!“
Laya schaute hin.
Eine kleine Schnecke kroch über ein Blatt.
Motzi räusperte sich.
„Genau. Eine Schnecke. Das wusste ich.“
Sie gingen weiter.
Ein dunkler Schatten bewegte sich neben dem Gartenzaun.
Motzi sprang einen Satz zurück.
„Was war das?!“
Laya schaute genauer hin.
Eine alte Gießkanne schaukelte im Wind.
„Eine ausgesprochen verdächtige Gießkanne“, sagte sie.
Motzi warf ihr einen strengen Blick zu.
„Sehr lustig.“
Noch zehn Schritte bis zum Apfelbaum.
Motzi blieb wieder stehen.
„Ich glaube, das reicht.“
„Wofür?“
„Für heute.“
Laya sah ihn an.
„Wir müssen nicht bis zum Baum.“
Motzi blinzelte.
„Nicht?“
„Nein. Wir können erst einmal nur bis zu dem Stein dort gehen.“
Der Stein lag drei Schritte entfernt.
Drei Schritte klangen machbar.
Motzi holte tief Luft.
Ein Schritt.
Noch einer.
Und noch einer.
Er stand am Stein.
„So.“
Laya nickte.
„Geschafft.“
Motzi schaute zum Apfelbaum.
Er war jetzt ein kleines bisschen näher.
„Bis zum Busch“, sagte Motzi.
Diesmal war es seine Idee.
Sie gingen weiter.
Dann bis zur kleinen Bank.
Dann bis zum Blumenbeet.
Und irgendwann stand Motzi plötzlich direkt unter dem Apfelbaum.
„Wir sind da“, sagte Laya.
Motzi sah sich überrascht um.
Tatsächlich.
Da lag Layas kleiner Rucksack.
Der Wind bewegte das Glöckchen am Reißverschluss.
Kling. Kling.
„Das war also das schreckliche Geräusch“, sagte Motzi.
Laya hob den Rucksack auf.
In diesem Moment raschelte es direkt hinter ihnen.
Motzi erstarrte.
Ganz langsam drehte er sich um.
Zwei leuchtende Augen blickten aus dem Gebüsch.
Motzis Fell stellte sich auf.
Dann sprang etwas hervor.
Ein kleiner Igel.
Er schaute Motzi an.
Motzi schaute den Igel an.
Der Igel schnupperte kurz und verschwand wieder zwischen den Blättern.
Laya kicherte.
Motzi setzte sich hin.
„Ich möchte festhalten“, sagte er, „dass dieser Igel äußerst verdächtig ausgesehen hat.“
„Natürlich.“
Auf dem Rückweg war der Garten noch genauso dunkel wie vorher.
Der Wind rauschte noch immer.
Die Äste bewegten sich.
Die Gießkanne schaukelte.
Und irgendwo kroch vermutlich noch immer die gefährliche Schnecke herum.
Aber etwas war anders.
Motzi ging ein kleines bisschen schneller.
Als sie wieder im warmen Haus waren, sprang er auf die Fensterbank.
Laya setzte sich neben ihn.
„Warst du noch ängstlich?“, fragte sie.
Motzi überlegte.
„Ja.“
Laya lächelte.
„Und trotzdem bist du mitgekommen.“
Motzi schaute hinaus in den dunklen Garten.
Dann hob er ein kleines bisschen stolz das Kinn.
„Das heißt also, ich war mutig?“
„Sehr sogar.“
Motzi schnurrte leise.
Nur ganz kurz.
Dann verzog er wieder das Gesicht.
„Trotzdem finde ich, dass der Garten nachts völlig übertrieben dunkel ist.“
Laya lachte.
Und diesmal musste auch Motzi ein bisschen grinsen.
Denn er hatte an diesem Abend etwas Wichtiges gelernt:
Angst verschwindet nicht immer sofort.
Manchmal läuft sie einfach ein Stück mit.
Aber wenn man trotzdem den ersten kleinen Schritt macht, kann aus Angst plötzlich Mut werden.
Und manchmal braucht es dafür gar keine riesige Heldentat.
Manchmal reichen drei kleine Schritte bis zu einem Stein.