Hilfsbereitschaft & Aufeinander achten
Motzi und die große Straße
Eine kleine Geschichte darüber, dass man nicht alles allein machen muss – auch wenn man es könnte.
Es war ein warmer Nachmittag, und Motzi hatte beschlossen, dass er heute ganz bestimmt nichts mehr tun würde.
Gar nichts.
Er lag unter dem Apfelbaum, die Pfoten ausgestreckt, den Schwanz über die Nase gelegt und genoss den Schatten.
Laya kam über die Wiese gelaufen.
„Motzi!“
Keine Antwort.
„Motzi!“
Der Schwanz auf Motzis Nase bewegte sich ein kleines bisschen.
„Motzi, schläfst du?“
„Nein.“
„Aber deine Augen sind zu.“
„Ich denke nach.“
Laya setzte sich neben ihn.
„Worüber?“
Motzi öffnete ein Auge.
„Darüber, wie angenehm es wäre, wenn mich niemand beim Nachdenken stören würde.“
Laya grinste.
„Dann habe ich eine schlechte Nachricht.“
Motzi seufzte.
Natürlich hatte sie die.
„Ich möchte zum Kornfeld.“
Jetzt öffnete Motzi auch das zweite Auge.
„Warum?“
„Weil dort hinten die schönsten Mohnblumen wachsen.“
„Hier wachsen doch auch Blumen.“
„Aber keine Mohnblumen.“
Motzi sah sich um.
Gänseblümchen.
Butterblumen.
Rosen.
Ein paar kleine violette Blüten, deren Namen er nicht kannte und auch nicht wissen wollte.
„Blumen sind Blumen.“
Laya legte den Kopf schief.
„Das ist ungefähr so, als würde ich sagen: Katzen sind Katzen.“
Motzi setzte sich sofort auf.
„Das ist etwas völlig anderes.“
„Aha.“
Laya lachte und lief los.
Motzi ließ sich wieder ins Gras fallen.
Endlich Ruhe.
Zumindest für ungefähr drei Sekunden.
Dann fiel ihm etwas ein.
Er hob den Kopf.
„Laya?“
Sie war schon ein Stück entfernt.
„Ja?“
„Zum Kornfeld musst du über die große Straße.“
Laya blieb stehen.
„Ich weiß.“
Motzi setzte sich auf.
Die große Straße verlief am Rand der Wiesen entlang.
Eigentlich war sie nicht besonders breit.
Aber jetzt, mitten in der Erntezeit, fuhren dort ständig Traktoren.
Große Traktoren.
Sehr große Traktoren.
Mit riesigen Reifen.
Manche zogen Anhänger voller Heu.
Andere rumpelten mit Maschinen über die Straße, die für Motzis Geschmack viel zu viele scharfe Ecken hatten.
„Dann gehst du da nicht allein rüber“, sagte Motzi.
Laya sah ihn an.
„Warum nicht?“
„Weil du klein bist.“
Laya stemmte die Pfoten in die Hüften.
„Ich bin nicht klein.“
Motzi schaute auf sie hinunter.
Laya schaute zu ihm hinauf.
„Du bist ungefähr so groß wie mein Kopf.“
„Das ist eine Frechheit.“
„Das ist Mathematik.“
Laya schnaubte.
„Ich kann selbst aufpassen.“
Motzi wollte etwas erwidern.
Doch genau in diesem Moment hörten sie es.
Brummm.
Brummm.
Ratter-ratter-ratter.
Ein Traktor fuhr hinter der Hecke vorbei.
Man sah nur das Dach der Fahrerkabine.
Dann folgte ein langer Anhänger voller Strohballen.
Motzi hob eine Augenbraue.
Laya sah zur Straße.
„Na gut“, sagte sie. „Die sind heute wirklich ziemlich groß.“
Motzi stand auf.
„Ich komme mit.“
„Aber du wolltest doch nachdenken.“
„Das kann ich später noch.“
Er streckte sich.
„Außerdem muss schließlich jemand dafür sorgen, dass du nicht unter einem Traktorreifen endest.“
Laya sah ihn streng an.
„Das hättest du auch netter sagen können.“
„Dann dauert es länger.“
Gemeinsam liefen sie über die Wiese.
Je näher sie der Straße kamen, desto lauter wurden die Geräusche.
Vögel zwitscherten in den Hecken.
Bienen summten zwischen den Blumen.
Und immer wieder hörte man aus der Ferne das tiefe Brummen eines Motors.
Als sie am Straßenrand ankamen, blieb Laya stehen.
Vor ihnen lag der graue Asphalt.
Auf der anderen Seite begann ein kleiner Feldweg, der zum Kornfeld führte.
Laya setzte schon eine Pfote nach vorne.
Motzi stellte sich sofort vor sie.
„Halt.“
„Was denn?“
„Erst schauen.“
Laya schaute nach links.
Dann nach rechts.
„Nichts.“
„Und hören.“
Beide waren still.
Kein Motor.
Kein Rattern.
Nur der Wind.
Laya wollte losgehen.
Motzi hielt sie mit der Pfote zurück.
„Noch einmal.“
„Motzi!“
„Noch einmal.“
Laya verdrehte die Augen.
Sie schaute nach links.
Dann nach rechts.
Da hörten sie plötzlich ein tiefes Brummen.
Noch weit weg.
Aber es wurde schnell lauter.
„Da kommt einer“, sagte Motzi.
Kurz darauf erschien hinter der Kurve ein grüner Traktor.
Laya staunte.
Er war riesig.
Die Reifen waren fast so hoch wie ein Gartenzaun.
Hinter ihm hing ein breiter Anhänger.
Motzi und Laya warteten am Rand.
Der Traktor fuhr vorbei.
Brummmmmm.
Ein warmer Luftzug strich über sie hinweg.
Ein paar trockene Blätter wirbelten durch die Luft.
Laya hielt sich die Ohren zu.
„Der ist laut!“
„Sehr aufmerksam beobachtet“, sagte Motzi.
Als der Traktor verschwunden war, sah Laya wieder zur Straße.
„Jetzt?“
Motzi schaute nach links.
Nach rechts.
Dann wieder nach links.
„Jetzt.“
Laya setzte eine Pfote auf die Straße.
Motzi lief direkt neben ihr.
Nicht vor ihr.
Nicht hinter ihr.
Neben ihr.
„Bleib bei mir“, sagte er.
„Ich bin doch da.“
„Gut.“
Sie gingen los.
Ein Schritt.
Noch einer.
Laya musste deutlich mehr Schritte machen als Motzi.
Für ihn war die Straße nicht besonders breit.
Für sie fühlte sie sich plötzlich riesig an.
In der Mitte blieb Laya kurz stehen.
Auf dem Asphalt lag etwas Glänzendes.
„Oh! Schau mal!“
Sie wollte sich danach bücken.
Motzi stellte sich vor sie.
„Nicht jetzt.“
„Aber da liegt etwas!“
„Das kann da auch liegen bleiben.“
„Vielleicht ist es ein Schatz.“
„Vielleicht ist es eine Schraube.“
Laya sah enttäuscht aus.
„Schrauben können auch Schätze sein.“
„Nicht mitten auf einer Straße.“
Motzi stupste sie sanft weiter.
„Komm.“
Wenige Augenblicke später erreichten sie die andere Seite.
Laya sprang ins Gras.
„Geschafft!“
Motzi nickte.
„Natürlich.“
„War doch gar nicht schlimm.“
„Weil wir aufgepasst haben.“
Laya grinste.
„Und weil du ungefähr fünfzigmal nach links und rechts geschaut hast.“
„Man kann nie vorsichtig genug sein.“
„Das klingt sehr vernünftig für jemanden, der gestern rückwärts von der Gartenmauer gefallen ist.“
Motzi blieb stehen.
„Das hatte andere Gründe.“
„Welche?“
„Die Mauer war falsch gebaut.“
Laya lachte.
Sie gingen weiter zum Kornfeld.
Schon von weitem leuchteten die roten Mohnblumen zwischen den goldenen Halmen.
Layas Augen wurden groß.
„Siehst du!“
Sie lief schneller.
Motzi folgte ihr.
„Ja, ja. Rote Blumen.“
„Mohnblumen!“
„Rote Blumen.“
Am Feldrand blieb Laya stehen und betrachtete sie.
Ein leichter Wind bewegte die dünnen Blütenblätter.
Rot.
Leuchtend.
Fast wie kleine flatternde Fahnen.
Motzi musste zugeben, dass sie tatsächlich ziemlich schön waren.
Natürlich sagte er das nicht.
Laya pflückte keine Blume.
Sie setzte sich einfach ins Gras und schaute sie an.
Motzi setzte sich neben sie.
Eine Weile waren beide still.
Dann sagte Laya:
„Danke.“
Motzi sah sie an.
„Wofür?“
„Dass du mitgekommen bist.“
Motzi zuckte mit den Schultern.
„Irgendjemand musste ja aufpassen.“
„Ich hätte es wahrscheinlich auch allein geschafft.“
„Wahrscheinlich.“
Laya blinzelte überrascht.
„Du glaubst mir?“
„Natürlich.“
Motzi schaute zu den Blumen.
„Aber nur weil man etwas allein schaffen kann, heißt das nicht, dass man es immer allein machen muss.“
Laya sagte nichts.
Motzi merkte sofort, dass er gerade etwas ziemlich Kluges gesagt hatte.
Das gefiel ihm.
„Schreib dir das ruhig auf“, fügte er hinzu.
„Vielleicht später.“
Sie blieben noch eine Weile am Feld.
Dann machte sich die Sonne langsam auf den Weg nach unten.
„Wir sollten zurück“, sagte Motzi.
Laya nickte.
Gemeinsam liefen sie wieder zur großen Straße.
Diesmal hörten sie schon von weitem Motorengeräusche.
Als sie am Straßenrand ankamen, fuhr gerade ein roter Traktor vorbei.
Hinter ihm zog er einen großen Anhänger.
Laya wartete.
Motzi sagte nichts.
Sie schaute nach links.
Dann nach rechts.
Dann noch einmal nach links.
Motzi grinste.
„Na?“
„Was?“
„Nichts.“
„Ich passe nur auf.“
„Sehr vernünftig.“
„Von jemandem gelernt, der offenbar fünfzigmal nach links und rechts schaut.“
Motzi hob stolz das Kinn.
Als die Straße frei war, gingen sie los.
Diesmal blieb Laya nicht in der Mitte stehen.
Sie lief ruhig neben Motzi.
Fast waren sie auf der anderen Seite, als plötzlich von weiter hinten ein Motor zu hören war.
Laya wurde schneller.
„Komm!“
Motzi blieb ruhig.
„Nicht rennen.“
„Aber da kommt ein Traktor!“
„Er ist noch weit weg.“
Motzi blieb dicht neben ihr.
„Ruhig weiter.“
Gemeinsam erreichten sie sicher den Straßenrand.
Erst einige Augenblicke später fuhr der Traktor vorbei.
Laya atmete aus.
„Ich dachte, wir müssen rennen.“
Motzi schüttelte den Kopf.
„Wenn man Angst bekommt, macht man manchmal Dinge zu schnell.“
Laya sah ihn an.
„Das klingt schon wieder klug.“
„Ich habe heute offenbar einen ausgezeichneten Tag.“
Sie gingen über die Wiese zurück.
Der Apfelbaum war schon zu sehen.
Laya hüpfte neben Motzi her.
„Weißt du, was ich heute gelernt habe?“
Motzi seufzte gespielt.
„Bestimmt sagst du es mir gleich.“
„Dass man aufeinander aufpassen soll.“
Motzi nickte.
„Stimmt.“
„Und dass es nicht schlimm ist, wenn man Hilfe braucht.“
Motzi nickte wieder.
„Auch richtig.“
Laya dachte kurz nach.
„Und dass man keine Schrauben von der Straße sammelt.“
Motzi blieb stehen.
„Das ist wahrscheinlich das Wichtigste.“
Laya lachte.
Dann lief sie voraus.
Motzi beobachtete sie.
„Nicht so weit!“, rief er.
Laya drehte sich um.
„Ich bin doch gar nicht an der Straße!“
„Man kann trotzdem aufpassen!“
„Du bist ein richtiger Aufpass-Kater geworden.“
Motzi schnaubte.
„Unsinn.“
Doch ein kleines bisschen stolz sah er trotzdem aus.
Denn Motzi hatte an diesem Tag etwas Wichtiges verstanden:
Hilfsbereit zu sein bedeutet nicht nur, etwas für jemanden zu tragen oder bei einer Aufgabe zu helfen.
Manchmal bedeutet es auch, aufmerksam zu sein.
Zu warten.
Nach links und rechts zu schauen.
Und dafür zu sorgen, dass jemand, der einem wichtig ist, sicher ankommt.
Denn gute Freunde gehen nicht einfach nur denselben Weg.
Sie passen unterwegs aufeinander auf.