Trost & Mitgefühl
Motzi und Layas stiller Tag
Eine liebevolle Geschichte darüber, dass man Traurigkeit nicht immer vertreiben muss – manchmal hilft es schon, einfach füreinander da zu sein.
An diesem Morgen wusste Motzi sofort, dass etwas nicht stimmte.
Nicht, weil irgendetwas kaputt war.
Nicht, weil es regnete.
Und auch nicht, weil jemand sein Lieblingskissen weggenommen hatte.
Es war Laya.
Sie kam über die Wiese gelaufen.
Aber eigentlich lief sie gar nicht richtig.
Sonst hüpfte sie von Grashalm zu Grashalm, blieb bei jedem Käfer stehen und hatte mindestens drei Dinge gleichzeitig zu erzählen.
Heute setzte sie einfach eine Pfote vor die andere.
Ganz langsam.
Motzi lag auf seiner Steinmauer und beobachtete sie.
„Du bist spät.“
Laya blieb stehen.
„Ja.“
Motzi wartete.
Normalerweise hätte Laya jetzt irgendetwas gesagt wie: „Dafür bist du zu früh mit dem Meckern.“
Aber sie sagte nichts.
Motzi setzte sich auf.
„Und?“
Laya sah ihn an.
„Was und?“
„Na, irgendetwas musst du doch dazu sagen.“
Laya zuckte mit den Schultern.
„Muss ich?“
Motzi blinzelte.
Das war wirklich ungewöhnlich.
Er sprang von der Mauer.
„Bist du krank?“
„Nein.“
„Hast du Bauchweh?“
„Nein.“
„Hast du schlecht geschlafen?“
„Auch nicht.“
Motzi ging einmal um sie herum.
„Dann stimmt irgendetwas mit deinen Ohren nicht.“
Laya fasste sich an ein Ohr.
„Mit meinen Ohren?“
„Ja. Die hängen heute so herum.“
Laya sah ihn an.
„Meine Ohren hängen immer so.“
Motzi betrachtete sie noch einmal.
„Stimmt.“
Laya setzte sich ins Gras.
Motzi setzte sich daneben.
Eine Weile sagte keiner etwas.
Das gefiel Motzi überhaupt nicht.
Nicht, weil er Stille grundsätzlich schlimm fand.
Stille konnte hervorragend sein.
Besonders wenn andere still waren und er seine Ruhe hatte.
Aber Layas Stille war anders.
Sie fühlte sich schwer an.
„Du bist traurig“, sagte Motzi schließlich.
Laya sah auf ihre Pfoten.
„Vielleicht.“
„Warum?“
Laya zuckte wieder mit den Schultern.
„Weiß nicht.“
Motzi runzelte die Stirn.
„Man muss doch wissen, warum man traurig ist.“
„Muss man?“
„Natürlich.“
Motzi dachte kurz nach.
„Wenn ich schlechte Laune habe, weiß ich schließlich auch immer genau, warum.“
Laya hob den Kopf.
„Wirklich?“
„Natürlich.“
„Gestern hattest du schlechte Laune, weil der Schatten vom Baum auf deinem Schlafplatz lag.“
„Eben.“
„Und vorgestern, weil dein Wasser zu nass war.“
Motzi räusperte sich.
„Das war eine vollkommen berechtigte Beschwerde.“
Für einen Moment sah es aus, als würde Laya lächeln.
Aber dann verschwand das kleine Lächeln wieder.
Motzi bemerkte es.
„Aha!“
Laya erschrak.
„Was?“
„Du hast fast gelacht.“
„Nur fast.“
Motzi sprang auf.
„Dann weiß ich, was zu tun ist.“
„Was denn?“
„Ich bringe dich zum Lachen.“
Laya sah ihn müde an.
„Motzi, du musst nicht—“
„Doch.“
Motzi stellte sich breitbeinig vor sie.
„Das ist jetzt meine Aufgabe.“
Er sah sich um.
Dann entdeckte er einen langen Grashalm.
Er nahm ihn zwischen die Zähne und legte ihn sich quer unter die Nase.
„Sieh mal.“
Laya schaute ihn an.
„Du hast Gras im Gesicht.“
„Das ist ein Schnurrbart.“
„Du hast schon Schnurrhaare.“
Motzi ließ den Grashalm fallen.
„Das war absichtlich.“
Laya lächelte nicht.
Motzi gab nicht auf.
Er sprang auf die Steinmauer.
„Dann eben etwas Lustiges.“
Er stellte sich ganz gerade hin.
„Warum können Mäuse nicht besonders gut Verstecken spielen?“
Laya hob eine Augenbraue.
„Warum?“
Motzi grinste.
„Weil immer irgendwo ein Schwanz herausguckt.“
Laya sah auf ihren langen rosa Schwanz.
Dann wieder zu Motzi.
„Der war schlecht.“
Motzis Grinsen verschwand.
„Er war ausgezeichnet.“
„Nein.“
„Du bist heute ein schwieriges Publikum.“
Laya legte den Kopf auf ihre Knie.
Motzi sprang von der Mauer.
Jetzt wurde er langsam unruhig.
Wenn Witze nicht halfen, musste etwas anderes her.
„Warte hier.“
„Wo soll ich denn hingehen?“
Aber Motzi war schon verschwunden.
Kurze Zeit später kam er zurück.
Zwischen seinen Zähnen trug er eine kleine Schale.
Darin lagen drei besonders schöne Erdbeeren.
Er stellte sie vor Laya ab.
„Hier.“
Laya betrachtete die Erdbeeren.
„Für mich?“
„Nein, für den Maulwurf.“
Laya sah ihn an.
Motzi seufzte.
„Natürlich für dich.“
Laya nahm eine Erdbeere.
„Danke.“
Sie biss ein kleines Stück ab.
Motzi wartete gespannt.
„Und?“
„Lecker.“
„Besser?“
Laya dachte nach.
„Ein bisschen.“
Motzi nickte zufrieden.
„Siehst du.“
Doch nach der Erdbeere saß Laya wieder genauso still da wie vorher.
Motzi starrte sie an.
„Das kann doch nicht sein.“
„Was?“
„Erdbeeren helfen immer.“
„Nicht gegen alles.“
Motzi setzte sich.
Er wusste nicht, was er als Nächstes tun sollte.
Das kam nicht besonders oft vor.
Normalerweise wusste Motzi sehr genau, was andere tun sollten.
Und meistens auch, was sie falsch machten.
Doch bei Laya wusste er es plötzlich nicht.
„Vielleicht brauchst du ein Abenteuer.“
Laya schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Dann einen Spaziergang.“
„Nein.“
„Wir könnten zum Bach.“
Laya schüttelte wieder den Kopf.
„Zum Kornfeld?“
„Nein.“
„Ich könnte mich über die Enten beschweren.“
Laya sah ihn an.
„Warum über die Enten?“
„Irgendetwas wird mir schon einfallen.“
Diesmal musste Laya tatsächlich ganz kurz schmunzeln.
Motzi richtete sich sofort auf.
„Da!“
„Was?“
„Du hast gelächelt.“
Laya seufzte.
„Motzi.“
„Ja?“
„Du musst mich nicht die ganze Zeit fröhlich machen.“
Motzi schaute sie verständnislos an.
„Aber du bist traurig.“
„Ich weiß.“
„Dann solltest du doch nicht traurig sein.“
Laya sah auf die Wiese.
Der Wind bewegte die kleinen weißen Blüten zwischen ihnen.
„Manchmal ist man eben traurig.“
Motzi schwieg.
„Und manchmal weiß man nicht einmal genau warum“, sagte Laya.
„Aber das ist doch blöd.“
„Ja.“
„Dann muss man doch etwas dagegen machen.“
Laya sah ihn an.
„Vielleicht nicht sofort.“
Motzi runzelte die Stirn.
„Was soll man denn sonst machen?“
Laya zog die Knie an sich.
„Einfach ein bisschen traurig sein.“
Motzi sah sie an, als hätte sie vorgeschlagen, freiwillig im Regen zu sitzen.
„Warum sollte man so etwas wollen?“
„Ich will es ja nicht.“
Laya dachte kurz nach.
„Aber nur weil ich traurig bin, muss die Traurigkeit nicht sofort verschwinden.“
Motzi setzte sich wieder neben sie.
„Und was soll ich dann machen?“
Laya sah zu ihm.
„Gar nichts.“
Motzis Augen wurden groß.
„Gar nichts?“
„Bleib einfach ein bisschen bei mir.“
Motzi blinzelte.
„Das ist alles?“
Laya nickte.
„Das ist alles.“
Motzi schaute auf die Wiese.
Dann auf Laya.
Dann wieder auf die Wiese.
Gar nichts zu tun war eigentlich eine seiner großen Stärken.
Aber irgendwie fühlte es sich diesmal ganz anders an.
Er setzte sich etwas näher zu Laya.
Und blieb.
Kein Witz.
Keine Erdbeere.
Kein guter Ratschlag.
Kein Gemecker.
Nicht einmal über die Fliege, die zweimal direkt vor seiner Nase vorbeisummte.
Sie saßen einfach da.
Der Wind strich durch das Gras.
Eine Wolke zog langsam über den Himmel.
Irgendwo klopfte ein Specht gegen einen Baum.
Nach einer Weile lehnte Laya ihren Kopf an Motzis Seite.
Motzi schaute zu ihr hinunter.
Er sagte nichts.
Noch ein paar Minuten vergingen.
Dann fragte Laya leise:
„Weißt du, was heute Morgen passiert ist?“
Motzi schüttelte den Kopf.
„Meine Sonnenblume ist umgeknickt.“
Motzi erinnerte sich.
Laya hatte die Sonnenblume im Frühjahr selbst gepflanzt.
Jeden Morgen hatte sie nach ihr gesehen.
Sie hatte sie gegossen.
Mit ihr gesprochen.
Und Motzi hatte sich mindestens zehnmal darüber lustig gemacht, dass man sich mit einer Blume unterhielt.
„Die große neben deinem Fenster?“
Laya nickte.
„Der Wind hat sie heute Nacht umgeknickt.“
Motzi sagte eine Weile nichts.
Jetzt verstand er besser, warum Laya so still war.
„Sie war wirklich ziemlich groß“, sagte er schließlich.
Laya nickte.
„Ich weiß, dass es nur eine Blume ist.“
Motzi sah sie an.
„War sie nicht.“
Laya blickte überrascht hoch.
Motzi zuckte mit den Schultern.
„Also schon. Natürlich war sie eine Blume.“
Er räusperte sich.
„Aber eben deine Blume.“
Layas Augen wurden ein bisschen feucht.
Motzi bekam sofort ein unangenehmes Gefühl im Bauch.
Normalerweise hätte er jetzt wieder versucht, sie abzulenken.
Aber diesmal blieb er einfach sitzen.
Laya wischte sich mit einer Pfote über die Augen.
„Ich habe mich jeden Morgen gefreut, wenn ich sie gesehen habe.“
Motzi nickte.
„Dann darfst du auch traurig sein, wenn sie nicht mehr da ist.“
Laya sah ihn an.
„Das klingt ziemlich klug.“
Motzi verzog das Gesicht.
„Sag das bitte niemandem.“
Laya lächelte.
Nur ein kleines bisschen.
Aber diesmal sagte Motzi nichts dazu.
Später gingen sie gemeinsam in die Nähe der großen Veranda.
Neben dem großen Fenster lag die Sonnenblume im Gras.
Der lange Stängel war geknickt.
Die gelben Blütenblätter hingen ein wenig herunter.
Laya blieb davor stehen.
Motzi setzte sich neben sie.
„Schade“, sagte er.
Laya nickte.
„Ja.“
Motzi betrachtete die Blume.
Dann bemerkte er etwas.
Unter dem großen Blütenkopf lagen kleine dunkle Kerne.
Einige waren auf die Erde gefallen.
„Laya?“
„Ja?“
Motzi deutete mit der Pfote darauf.
„Was ist das?“
Laya kniete sich hin.
„Samen.“
„Kann daraus wieder eine Sonnenblume werden?“
Laya sah die kleinen Kerne an.
Dann nickte sie langsam.
„Nächstes Jahr vielleicht.“
Motzi nahm vorsichtig einen der Samen zwischen die Pfoten.
„Dann sollten wir sie aufheben.“
„Wir?“
Motzi sah sie an.
„Na ja. Du kannst schließlich nicht erwarten, dass ich nächstes Jahr wieder irgendeine dahergelaufene Sonnenblume akzeptiere.“
Laya musste lachen.
Diesmal richtig.
Motzi grinste.
Doch er sagte nicht: „Siehst du, jetzt bist du wieder fröhlich.“
Denn inzwischen hatte er verstanden, dass das gar nicht das Wichtigste war.
Gemeinsam sammelten sie die kleinen Sonnenblumenkerne auf.
Laya legte sie in eine kleine Dose die sie auf der Veranda entdeckt hatte.
Auf den Deckel schrieb sie:
„Für nächstes Jahr.“
Später saßen beide wieder unter dem Apfelbaum.
Laya war noch immer ein bisschen traurig.
Aber nicht mehr ganz so allein damit.
„Motzi?“
„Hm?“
„Danke.“
„Für die Samen?“
Laya schüttelte den Kopf.
„Fürs Dableiben.“
Motzi sah sie an.
Dann hob er ein wenig stolz das Kinn.
„Ich kann ziemlich gut nichts tun.“
Laya grinste.
„Das habe ich gemerkt.“
Motzi legte sich ins Gras.
Laya setzte sich dicht neben ihn.
Und an diesem Tag lernte Motzi etwas, das ihm zunächst ziemlich seltsam vorgekommen war:
Wenn jemand traurig ist, muss man nicht immer die richtigen Worte finden.
Man muss nicht jeden Schmerz sofort wegmachen.
Und man muss auch nicht dafür sorgen, dass jemand gleich wieder lacht.
Manchmal bedeutet Trösten einfach, zuzuhören.
Dazubleiben.
Und jemandem zu zeigen:
Du musst mit deiner Traurigkeit nicht allein sein.